Neuigkeiten

70.3 Ironman Rapperswil mit WM-Qualifikation für Nizza

„Rappi“, wie der 70.3 Ironman von Rapperswil-Jona niedlich genannt wird, ist eine Reise wert: gewaltige Berglandschaft, steile Radanstiege („Witches Hill“ und „The Beast“) und tolle Laufstrecke inklusive der „Stairways of Heaven“ (eine Art Treppenkletterpartie in der Innenstadt).

Um es vorweg zu nehmen: ich bin einer dieser „alten Haudegen“ in der AK 55 und kein Schwimmer, aber diesmal war dieser Teil wirklich fürchterlich – das Wasser und damit meine Füße waren einfach nur kalt (offiziell 15,8 Grad, aber das war wohl am Strand und nicht in der Seemitte!). Zum Glück hatte Jonathan empfohlen, zwei Badekappen anzuziehen – so blieb mein Hirn auf Betriebstemperatur und ich war noch in der Lage zu denken. Ich hatte bis 1500m immer wieder Kämpfe mit anderen. Es war eine Wasserschlacht und beim Ausstieg war alles mit Leuten zugestellt, durch die ich mich hindurch drängen musste. Sehr unangenehm, aber überstanden. Habe eine Minute länger gebraucht als letztes Jahr und das war auch damals nicht gut. Die Zeit sah ich mit der Schwimmbrille nicht genau und hatte schon auf „Wechsel“ gedrückt – zum Glück! So war meine Moral bestens und ich für den Wechsel voll fokussiert.

Beide Wechsel liefen super: bester erster Wechsel und trotz Toilettenhalt drittbester zweiter Wechsel mit nur 9 Sekunden hinter dem besten Wechsler. Das vorherige Durchspielen und mehrfache Durchlaufen der Wechselzone hat sich ausgezahlt! Kann ich nur empfehlen.

Auf dem Rad fühlte ich mich sehr gut und spürte, dass ich super unterwegs war, obwohl ich die Beine locker rund führte und Reserven hatte. „Nur nicht überpacen, nur nicht überpacen“ war die Devise, die ich wohl um die 30 Mal während der ersten Hälfte gedanklich wieder­holte. Die Vorderkurbel des Rades knackte schon seit Tagen, aber Lorenz hatte dies in der Woche zuvor geprüft (herzlichen Dank!) und der Ironman Bikepoint hatte am Vortag alles nochmals angeschaut und mir versichert, dass es kein Problem sei: ich müsse nur nachher neue Lager haben, da diese kaputtgetreten seien. Das an sich völlig nervige Knacken habe ich dann als Ansporn genommen und mir gesagt, dass das ein Unterstützer sei, der mich bei jeder Umdrehung anspornt. Der Radteil mit AK-Bestzeit war dann auch entscheidend, da ich trotz Renn- und ohne Zeitrad hier rund zwei Minuten und mehr auf alle anderen rausholen konnte.

Der Lauf begann gut (4:08 Min/km). Ich fühlte mich auf der ersten Runde sehr locker und musste mich bis zu Hälfte immer bremsen (10,5 km in 44:50). Auf der zweiten Runde um Kilometer 14 rum hatte ich dann tüchtig Mühe, was sich aber verkraften ließ, da ich merkte dass ich nicht zu viel an Schwung verlor. Der Schluss war mit 4:00 auf dem letzten Kilometer dann wieder gut, aber sehr, sehr schmerzhaft: eine echte Qual, aber ich gab alles.

Im Unterschied zum letzten Jahr hatte ich kaum Probleme mit der Energie und keinen wirklichen Einbruch. Das ist wahrscheinlich weil ich vor dem Schwimmen eine Banane und einen Riegel, auf dem Rad einen Riegel und sechs Hydrogels plus eine Flasche Iso sowie während des Laufens jede 3 km ein Gel und jede 3 km 1-2 Schlucke Red Bull eingenommen hatte. Vermutlich überversorgt, aber ich kam dafür insgesamt in einem recht gutem Zustand ins Ziel. Nach dem fürchterlichen Einbruch vom Vorjahr war das ein sehr schönes Erlebnis. Besonders auch, da dieses Jahr im Vorfeld alle Vorzeichen schlecht standen und meine Form zwei Wochen vor dem Anlass unerklärlich absackte. Aber nach zwei Wochen völliger Erholung, bei „Sonne satt“ und 30 Grad waren meine Lebensgeister für die Halbdistanz wieder geweckt.

Ich habe alles gegeben und um ehrlich zu sein, war ich auf der zweiten Laufrunde überzeugt, dass ich die Alterskategorie haushoch gewinnen würde, da die Siegerzeit im letzten Jahr mit 4:48 ja die schnellste Siegerzeit der AK aller Zeiten war und mir klar wurde, dass ich unter 4:40 ins Ziel kommen würde. Zum Glück wusste ich aus früheren Zeiten als Läufer, dass man nie nachlassen darf und das Rennen erst nach dem Zielstrich fertig ist. Voll durchziehen bis zum Schluss muss immer die Devise sein. Umso mehr war ich bass erstaunt, als meine Frau im Ziel meinte, dass einer schneller war und diese Person letztes Jahr den Halbmarathon am Ende in 1:43 lief (nun in 1:34 – was für eine Steigerung!). Noch mehr verblüfft hatte mich, als kurz danach ein Holländer auf die Sekunde gleich schnell wie ich ins Ziel kam (er war allerdings letztes Jahr nicht in Rappi gestartet und deshalb auch nicht auf unserem Ironman Tracker vorgemerkt). Es ist verrückt: neun Leute sind schneller gewesen als die Siegerzeit letztes Jahr. Auch wenn ich erwartet hatte, dass es eine heiße Sache und sehr kompetitiv würde: so eine krasse Steigerung der Spitze hätte ich nicht für möglich gehalten.

Aus den lebendigen Gesprächen mit den AK-Mitstreitern, die sich seit mehr als 15 Jahren dem Triathlon verschrieben zu haben scheinen, erfuhr ich nachher, dass alle den Winter über wie die Besengten trainiert und ihr Material optimiert haben, da sie sich WM-Chancen für dieses Jahr ausgerechnet hatten und Nizza nicht weit weg ist. Jeder der ersten zehn wollte unbedingt nach Nizza. Wir haben also den gleichen Mindset geteilt. Ich fühlte mich im Kreise der Unvernünftigen unter Seinesgleichen. Der Sieger, letztes Jahr Silbermedaillengewinner AK 55 an der 70.3-WM in Südafrika, war schon qualifiziert, so dass ich nach der Siegerehrung den ersten der drei WM-Slots entgegennehmen durfte. Als Quereinsteiger, der zum runden fünfzigsten Geburtstag vor fünf Jahren diesen Sport mit dem Bibermann begonnen hatte, war dieser Anlass für mich schon bewegend und ich freue mich wie ein Teenager über die WM-Qualifikation und auf Nizza. Es wird ein Erlebnis, das Wasser dürfte wärmer sein und die Radstrecke soll richtig steile Anstiege haben…

Stefan Schaltegger

2. Rang AK 55, 4:36.41 (2. Juni 2019)

Schwimmen: 34:52; T1 2:58; Rad 90km, 1129m Steigung: 2:24.21 (35,7 km/h);
T22:11; Lauf 21,1km: 1:32.20 (4:24 Min./km)

 

Zurück