Berichte

Roparun

Die etwas andere Herausforderung

In den letzten Wochen beschäftigte mich nur ein Ereignis, was an Pfingsten dann endlich seinen Höhepunkt fand.

Ich war Anfang des Jahres gebeten worden den Roparun zu unterstützen, zu dem Zeitpunkt hatte ich nur entfernt davon gehört.
Was ist der Roparun? Es ist das größte Staffelrennen der Welt und dient auch noch einem guten Zweck.

Ziel ist es soviel Spenden für die Roparun Stiftung zu sammeln wie möglich, das Geld wird seit 27 Jahren zur Unterstützung der Palliativarbeit, insbesondere in den Niederlanden , und in den letzten Jahren auch in Deutschland verwendet.
Die bisher gesammelte Summe beläuft sich auf inzwischen fast 70 Mio. €.

Da dieses Jahr das Hospiz in Bardowick mit einer Spende zum Kauf eines Rollstuhlbusses bedacht wurde, wurde ich gefragt ob ich nicht Lust hätte an dem Rennen teilzunehmen.

Schnell sagte ich zu, um mich dann erst einmal mit den Modalitäten des Laufes zu beschäftigen.
Das Rennen ist ein Staffellauf, es gibt insgesamt 8 Läufer, welche von 2 Fahrrädern begleitet werden.
4 Läufer sind auf der Strecke, die anderen pausieren. Gelaufen werden kurze Abschnitte von 1-2 km, dann wird gewechselt, für die Gesamtstrecke über 560 km von Hamburg nach Rotterdam sind dies in 48 Stunden ca. 70 km laufen.

Würde ich dies bewältigen? Bisher war ich lediglich einige Halbmarathon gelaufen und für September ist der Berlin Marathon geplant.
Von Teilnehmern des letzten Jahres wurde mir aber versichert, das dies wegen der kurzen Laufabschnitte gut zu bewältigen sei.

So gingen die Wochen vor Pfingsten mit Intervalltraining und langen Läufen schnell über die Bühne und unser Team war am 3.6.2017 mit insgesamt 19 Personen startbereit.

Das erste Teilteam wurde um 15:48 in Hamburg von enthusiastischen Holländern auf die Strecke geschickt, wir waren schließlich das einzige deutsche Team.

Gegen 24 Uhr bei einsetzendem Regen übernahmen wir , Christian, Andreas, Kory, Olli, Tina, Ralf und ich den " Staffelstab“ in Lilienthal bei Bremen, das Startteam war mit 12,5 km/ h durch den sonnigen Nachmittag geflogen, dieses Tempo sollte wir nicht halten können.

Die nächsten 6 Stunden kämpften wir uns bei strömenden Regen durch das trostlose Delmenhorst immer weiter in Richtung Emsland, als auch das letzte Kleidungsstück durchweicht war stellte mir die Frage nach dem Sinn dieses Unterfangens.
"Durchhalten, kämpfen für die Menschen die viel mehr Leid erfahren und ertragen“, was sind da schon nasse Klamotten und müde Beine ...

Am frühen Morgen ließ der Regen nach, unser Versuch irgendwo frischen Kaffee aufzutreiben scheiterte in der emsländischen Provinz kläglich, keine Tankstelle oder Bäckerei schien vor 8:30 morgens am Sonntag zu öffnen. So rannten wir ohne " Coffein-Doping“ durch die funkelnde nasse Landschaft um bei strahlender Sonne an das ausgeschlafene Team zu übergeben.

Im Sportheim in Neubörger wurden wir bereits von unseren Catering-Engeln Antje, Bianca und Ulli mit Frühstück erwartet, noch schnell geduscht und dann 4 Stunden schlafen.

Am Nachmittag waren wir wieder voller Tatendrang und gingen gegen 16:30 Uhr wieder auf die Laufstrecke.
Bei strahlender Sonne ging es durch malerische holländische Landschaften, hier eine Windmühle, dort ein idyllischer Kanal und entlang des Weges immer wieder kleine Feste der Anwohner.

Es gab mitten auf dem platten Land plötzlich Hamburger zu essen und 200 m weiter frischen Kaffee und Bier.

So zogen wir durch die Lande, um gegen 1:30 nachts Zutphen zu erreichen. Ein Lichtermeer aus Windlichtern empfing uns bereits 2 km vor dem Ortskern. Die große Party war allerdings bereits wegen der fortgeschrittenen Zeit bereits am Ausklingen, trotzdem wurden wir noch persönlich vom Bürgermeister begrüßt.

Ich selber konnte mich zu diesem Zeitpunkt nur noch unter Aufbietung sämtlicher Kraftreserven und vom Kopf getrieben fortbewegen. Meine Oberschenkel waren bretthart und fühlten sich an als ob sie sich im Umfang verdoppelt hätten.

In mir stiegen erhebliche Zweifel auf ob ich den kommenden Tag und den Zieleinlauf in Rotterdam tatsächlich laufend erleben würde.

Wir übergaben erneut an unsere Mitstreiter, das Sportheim in Warnsveld war das "Hotel " dieser Nacht.
5 Stunden Tiefschlaf und meine Beine fühlten sich etwas besser an. Nachdem Tina mir noch eine kurze physiotherapeutische Intervention und Fußreflexzonenmassage zukommen ließ und mit Tapes versorgte ging es richtig gut.

86 km vor Rotterdam starteten wir auf unsere letzte Etappe, die ersten Kilometer waren die Beine noch etwas schwer, dies legte sich aber mit jedem Schritt.

Das Wetter zeigte sich von seiner göttlichen Seite: strahlende Sonne, leichte Brise, 20 Grad.
Bereits weit vor den letzten 26 km stellten wir auf bike and run um, jeder lief einen Kilometer und radelte dann entspannt 4 km mit, so flogen wir mit über 12 km/h wieder durch typisch holländische Landschaften und Dörfer.
Die Feste und Menschen entlang der Strecke wurden immer zahlreicher, der Bürgermeister von Barendrecht begrüßte mich persönlich, als ich über die Rampe auf dem Marktplatz lief.
Einige Kilometer weiter wurde uns wider bewusst wofür wir diese Strapazen eigentlich auf uns genommen hatten.

An einem Pflegeheim waren die Bewohner mit ihren Betten an den Straßenrand gefahren worden und jubelten uns zu, ein wirklich bewegender Augenblick.

Beflügelt , ohne Schmerzen trugen mich meine Beine. So muss sich das ominöse Runners high anfühlen, vollgepumpt mit Adrenalin und Endorphinen.

Um 16:41 Uhr mit einem Laufdurchschnitt von 11,59 km/h erreichten wir die Zielzeitnahme in Rotterdam.

Die nächsten 2 km bis zum endgültigen Ziel legten wir unter dem Jubel der Zuschauer ganz entspannt zurück. Überall entlang der letzten Meter wurde getrommelt, gefeiert gelacht.
Läufer, Zuschauer, sich unbekannte Menschen lagen sich in den Armen und beglückwünschten sich für die vollbrachte Leistung.
Blumen bekamen wir von den vielen freiwilligen Helfern überreicht und unter tosendem Beifall und dröhnender Musik wurden wir über die Ziellinie getragen.

Durch Gerdjan`s Kontakte hatte wir dann Zugang zum VIP-Zelt , ein kühles Bier erfrischte unsere Kehlen und die Stimmung wurde immer ausgelassener.
Als schließlich das letzte Team ins Ziel unter dem Lied " You´ll never walk alone“ lief, versankt der gesamt Coolsingel im kollektiven Glücksgefühl und die eine oder andere Träne wurde verdrückt. Alle Emotionen der letzten 48 Stunden , Schmerz, Freude, Wut traten noch einmal ins Bewusstsein und ließen mich trotz der totalen körperlichen Müdigkeit weiter auf Wolke 7 schweben.

Das Adrenalin trug mich noch bis ins Hostel, dort hätte ich auf der Stelle einschlafen können, eine ausgiebige Dusche, Cola und Salzstangen erweckten neue Kräfte und wir verbrachten einen wundervollen Abend mit Bier und mexikanischem Essen.

Der nächste Tag starte mit einem Stadtrundgang durch Rotterdam, trotz der fast völligen Zerstörung im 2. Weltkrieg, eine toll wiederaufgebaute Stadt, mit einer gelungenen Mischung aus modern und traditionell.

Die Autofahrt zurück ließ noch einmal alle Erlebnisse dieser intensiven 2 Tage hochkommen, es viel mir die nächsten Arbeitstage tatsächlich schwer wieder zu Normalität überzugehen, immer wieder schweiften die Gedanken zurück.

Wie es im Titel des Roparun heißt: "Ein Abenteuer fürs Leben".

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