Berichte

Kerstin Gerber berichtet von der Vätternrundan

Als ich im letzten Jahr während einer Radausfahrt von Katharina aufschnappte, sie habe da bei einer Rundfahrt in Schweden mitgemacht, 300 km um einen See, dachte ich sofort, das wäre ja auch was für mich... auch wenn ich nicht die Schnellste bin, aber an der Ausdauer soll es nicht scheitern! Erst war es nur ein Gedanke, aber schnell waren ein paar wagemutige Mitstreiter/innen gefunden und im September 2016 die Registrierung für die Vätternundan erledigt. Anfang November nach der Vergabe kam die Zusage, dass unsere sechsköpfige Gruppe Startplätze bekommen hatte!

Mit der Unterkunftssuche waren wir allerdings schon ziemlich spät dran! Und dann noch 6 Leute (plus Anhang) unter einen Hut zu bekommen mit unterschiedlichen Urlaubsplanungen und -vorstellungen - ein schier aussichtsloses Unterfangen.... Zum Glück kamen uns der Zufall und die Gastfreundschaft der Schweden entgegen. Nachdem wir für den Notfall schon einen Campingplatz ca. 20 km von Motala, dem Start- und Zielort, entfernt reserviert hatten, ergatterten wir wenige Wochen vorm Start noch eine Privatwohnung, in der wir alle zusammen für 3 Nächte bleiben konnten. Und das direkt im Ort. Bei einer Startzeit von 5:38 Uhr ein nicht zu unterschätzender Vorteil! Auch wenn diese Zeit an sich schon fast perfekt für uns war.

Nun konnte es entspannter an die weitere Vorbereitung gehen! Die empfohlenen ca. 1.000 Radkilometer vor der Tour hatte ich ab Anfang März gesammelt. Dabei eine Woche in den Bergen Kroatiens sowie das Vereinstrainingslager in Ratzeburg. Leider war nur Zeit und Gelegenheit für eine einzige der von Dirk als erfahrener Vätternsee-Fahrer empfohlenen längeren Touren von ca. 150 km. Und diese startete ich auch erst am Pfingstmontag zusammen mit einer Freundin, die auch mit nach Schweden fahren würde. Aber egal, wir genossen die Fahrt von LG nach Hannover bei bestem Wetter unterhalb Renntempo und trotz einer kleinen Irrfahrt bei Soltau, wo uns Navi und Beschilderung kurzzeitig vom Weg abbrachten. Aus Zeitgründen mussten wir leider dann auf den geplanten Belohnungseisbecher in Hannover verzichten, um noch zu einer halbwegs annehmbaren Zeit wieder zu Hause zu sein. Aber ansonsten war ich gut drauf, mir tat nichts weh und ich hatte das gute Gefühl, dass ich noch einiges mehr als diese 150 km würde fahren können.

Investiert hatte ich noch in eine neue gut gepolsterte Radhose und ein Bike-fitting und fühlte mich insgesamt ganz gut vorbereitet. Zwar hatte ich noch nicht wirklich eine Vorstellung von 300 km, aber die Folgen eines Sturzes beim Laufen am 1. Advent mit 2 gebrochenen Fingern waren rechtzeitig überwunden und diverse Berichte ließen mich zu der Überzeugung kommen, dass das zu schaffen war. U.a. hatte ein Bekannter meiner Schwiegermutter die Tour im letzten Jahr mit Mitte 70 geschafft... Also auf nach Schweden! Hauptsache es würde keinen Dauerregen geben....

Am Donnerstag vor der Rundfahrt, die zwischen Freitag 19:00 Uhr und Samstag 6:00 Uhr gruppenweise in 2-min-Abständen gestartet wurde, trafen wir alle nacheinander an besagter Privatwohnung ein. Die Hausherren hatten über das Wochenende die Stadt verlassen und verdienten sich mit der Vermietung während der Vätternrundan ein kleines Zubrot. Im Stadtpark war ein riesiges Messegelände aufgebaut worden, wo wir am Freitag unsere Startunterlagen abholten und die Kulisse am See genossen, bevor wir unsere kleine Pastaparty veranstalteten. So langsam wurden alle merklich stiller, jeder bastelte noch an seinem Rad herum, die Startnummern wurden angebracht und die Bekleidung, Riegel etc. zurecht gelegt. Ich ließ mich von der allgemeinen Unruhe nicht anstecken und war immer noch ganz cool, ich dachte einfach nicht darüber nach, was auf mich zukommt und sagte mir immer wieder, dass ich es schon schaffen würde.

Die innere Aufregung machte sich erst dann bemerkbar, als es ans Schlafengehen ging. An Schlaf war nämlich trotz guten Willens nicht zu denken.... Ich schätze, dass ich etwa 10 Minuten eingenickt war, natürlich kurz vorm Weckerklingeln um 4:00 Uhr.... aber das ging sicher allen so! Mein Mann hat leider wegen des Schlafmangels (sagt er...) dann auch spontan gekniffen und sich nochmal umgedreht. Aber nun war es auch egal. Es gab noch einen Kaffee und ein Honigbrot und dann ging es zum Start. Die Müdigkeit war wie weggeblasen. Es war schon hell (Midsommar), die Innenstadt voller Radfahrer. Die ersten kamen schon glückstrahlend mit umgehängter Medaille zurück... und wir hatten noch die gesamten 300 km vor uns. Wider Erwarten befiel mich immer noch keine körperlich spürbare Aufregung wie sonst vor Läufen oder Triathlons, die sich u. a. in mehrfachen verstärkten Toilettengängen äußert... nichts dergleichen. Ich genoß einfach die Atmosphäre, mitten im Trubel zu sein, und unseren Start pünktlich um 5:38 Uhr. Die Worte von Dirk im Kopf, bloß nicht am Anfang zu sehr mitziehen lassen, so dass am Ende die Körner fehlen.... Ich fuhr einfach gleichmäßig und ruhig in den Tag rein und versuchte mich nicht von geräuschvoll überholenden Gruppen irritieren zu lassen. Die beiden Männer waren längst enteilt. Aber zu meiner Überraschung waren beide Mädels noch hinter mir, so dass wir nun mehr oder weniger zu dritt fuhren und uns vorne abwechselten. Anfangs war die Morgenluft noch etwas feucht, es tropfte vom Helm, die Brille war beschlagen, man konnte eigentlich nichts sehen... aber so gegen 7:00 Uhr kam die Sonne raus, wunderschön!! Später nieselte es einmal kurz für ca. 5 Minuten, aber ansonsten sollten wir den ganzen Tag bestes Radwetter haben! Erster Stopp nach 47 km, Dixieklo, Wasserflaschen auffüllen, Riegel essen, ein Foto und weiter ging's. Nächster Stopp nach ca. 83 km. Wahnsinn. 83 km ist sonst eine normale Tour und jetzt noch nicht mal ein Drittel... nicht drüber nachdenken, alles noch gut! Es rollt. Frühstückspause bei km 104. Schon fast 5 Stunden gefahren. Die zuvor groß angepriesenen Köttbullar waren ja nichts für Vegetarier, aber warmer Porridge mit Apfelmus und Preiselbeeren plus Kaffee auch sehr lecker! Gut, die ebenfalls angebotenen Salzgurken (seeeehr salzig!!) passten dazu nicht so ganz, aber auch hier wollte ich Dirks Ratschlag befolgen - Elektrolyte auffüllen....! :-) Die Strecke war leicht hügelig, aber noch nicht wirklich anstrengend. Jedenfalls hatte ich mir das schlimmer vorgestellt! Und so arbeiteten wir uns km für km vorwärts, quatschten auch mal zwischendurch und genossen die Landschaft. Allerdings hatten wir das Gefühl, dass die meisten irgendwie schon weg waren.... davon ließen wir uns aber nicht beirren, ankommen war die Devise. An den Verpflegungsstellen war dennoch immer noch gut was los und alles ausreichend vorhanden. Es fehlte an nichts, alle Helfer sehr freundlich! Und die Salzgurken wurden langsam lecker!! Das Gute war, man musste nicht über die Strecke nachdenken, einfach nur fahren! Überall, wo man hätte falsch abbiegen können, wurde uns der Weg gewiesen. So langsam zeigte sich, dass ich noch ganz gute Reserven hatte, während die anderen beiden an den Hügeln immer wieder abreißen lassen mussten und ich gewartet habe. In Hjo, wo die (vegetarische) Lasagne bei km 171 lockte und eine riesige Videoleinwand diverse Zahlen u.a. der Zielankünfte und Abbrüche anzeigte, trafen wir uns aber nochmal im Verpflegungszelt und fuhren nach einer etwas längeren Pause auch bis km 204 (Karlsborg) noch zusammen, wo wir dann beschlossen, getrennt weiter zu fahren. Übrigens, bei km 180 dachte ich an all die Eisenmänner und -frauen.... jetzt noch 'nen Marathon? Unvorstellbar... Aber nun wollte ich ins Ziel kommen und die anderen beiden waren wegen diverser schmerzender Körperteile nicht mehr so sicher. Übrigens ist Karlsborg ein schönes Örtchen mit einem lauschigen kleinen Hafen am Kanal!

Noch 93 km vor mir. Es sind nämlich "nur" 297 statt 300 km... auch wenn man einwenden mag, dass diese 3 km "den Kohl ja nun auch nicht fett machen", sicher, aber am Ende war ich schon froh über die "gesparten" 3 km... :-)

Ich trat nochmal richtig in die Pedale, der Tag wurde zum Abend, immer noch Sonne satt. 40 km vorm Ziel nochmal anhalten, WC und Wasser auffüllen... ein Blick aufs Handy. Es war 19 Uhr. In der WhatsApp-Gruppe hieß es, meine Ankunft würde für kurz nach 21 Uhr vorhergesagt... wird wohl anhand der vorherigen Zwischenzeiten an einigen Verpflegungspunkten hochgerechnet. Ich dachte nur, Leute, Ihr könnt mich mal... ich fahre jetzt keine 2 Stunden mehr für 40 km.... die Knie waren langsam etwas steif und der Hintern machte sich auch langsam bemerkbar... aber jetzt nochmal richtig Gas geben und das letzte kleine Stück schaffe ich jetzt auch noch!! Was ich nicht wusste (hatte mir bewusst vorher das Höhenprofil nicht angeschaut), war, dass es auf den letzten 40 km noch ein paar (für diesen Zeitpunkt) vergleichsweise fiese Hügel gibt, wo man schlicht und einfach keinen Bock mehr hat, da noch hochzutreten...!

Aber nun war es auch egal. Der Gedanke, kurz vorm Ziel zu sein, verlieh mir nochmal ordentlich Auftrieb. Die Strecke gab nochmal alles her, kleine Ortsdurchfahrten, wo Einwohner einen feiernd anfeuerten und nochmal Fotos geschossen wurden, bei denen ich grinsend in die Kamera winkte, mehr oder weniger einsame Landstraßen, auf denen man in Ruhe die Namen der überholten Mitfahrer/innen studieren konnte, ein (abgesperrtes) Stück neben der Schnellstraße und zum Schluss schon in Motala ein Gewerbegebiet, wo man nicht mehr ganz sicher war, ob man noch richtig ist... die Kilometer auf dem Tacho näherten sich langsam aber sicher der 300-km-Marke und endlich war das Ziel zu sehen! Dort erwarteten mich mein jetzt ausgeschlafener Mann und André, der in unter 10 Stunden trotz geliehenem Rad und einiger Wehwehchen angekommen war und nicht wirklich mit meiner noch ziemlich entspannten Ankunft gerechnet hatte... Die Anerkennung der Männer war ein verdienter Lohn! Immerhin konnte ich mit Medaille um den Hals sogar noch gehen und mein Rad zum Verpflegungsstand schieben, ohne mich wie viele andere erstmal ins Gras hauen zu müssen... :-) Angekommen bin ich letztendlich in knapp unter 15 Std., zwischen 13 und 15 hatte ich mir vorher realistisch auch ausgerechnet, netto laut Tacho etwas mehr als 12 Std., aber eben ziemlich entspannt und mit einigermaßen Genuss. Es ist mir ein Rätsel, wie man das in unter 8 Stunden schaffen kann.... Nun gespanntes Warten. Conny hatte laut Chat leider bei km 230 aufgegeben, aber hey, auch 230 wollen erstmal gefahren sein! Trotzdem eine großartige Leistung! Aber Nicole sollte laut Vorhersage noch ankommen. Kam sie auch tatsächlich trotz Knieproblemen gegen 21 Uhr. Sie rechnete nicht damit, dass wir zu dritt auf sie warteten und dann kamen erstmal die großen Emotionen bei ihr durch.... ein Gänsehautmoment! Wahnsinn, wir haben es tatsächlich geschafft! Ein Riesenerlebnis! Super gut organisiert und auf jeden Fall weiterzuempfehlen! Bestimmt war es nicht mein letztes Mal. Nicht gleich 2018 wieder, es gibt ja noch so viele tolle andere Events. Aber in nächster Zukunft auf jeden Fall nochmal!

Das Zielbier aus der Dose war jetzt nicht sooo lecker, aber wir gönnten uns alle noch eine Pizza zu später Stunde, kurz bevor der Imbiss um 22 Uhr schloss und ließen den Tag zusammen nochmal Revue passieren. Am nächsten Tag wachte ich mit Kratzen im Hals auf und hatte mir eine Erkältung eingefangen. Mann, war ich froh, dass die Tour nun vorbei war. Die Erkältung ein oder zwei Tage früher hätte ich ja nun überhaupt nicht gebrauchen können... Glücklicherweise hatten wir anschließend noch 6 Tage in der schwedischen Einöde zur Erholung vor uns, die mehr oder weniger nur aus Grillen/Essen, Schlafen und Lesen bestanden.... Natürlich machte sich die nächsten ein, zwei Tage eine gewisse Müdigkeit in den Beinen bemerkbar, aber ich hatte weder Muskelkater noch sonst irgendwelche Beschwerden. Also insgesamt alles gut gelaufen bzw. gefahren und zur Nachahmung empfohlen!

Ergebnisliste

17.06.2017: Vätternrundan Schweden

Große Runde (bike: 300 km)
Teilnehmer Zeit Platz Gesamt
Frauen
Kerstin Gerber 14:53:00 h 0./0

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